Onlinejournal    Kultur . >        < Suchen  > > >   Finden  >

 

PA4-13-8gutleben-steiner-k

pa4-13-8leben-steiner

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Steiner
Biografisches

Rudolf Joseph Lorenz Steiner (* 27. Februar[1] 1861 in Kraljevec, Kaisertum Österreich, heute Kroatien;[2] † 30. März 1925 in Dornach, Schweiz) war ein österreichischer Esoteriker und Philosoph. Er begründete die Anthroposophie, eine esoterische Weltanschauung, die an die Theosophie, das Rosenkreuzertum, die Gnosis[3] sowie die idealistische Philosophie anschließt[4] und zu den neumystischen Einheitskonzeptionen der Zeit um 1900 gezählt wird.[5] Auf Grundlage dieser Lehre gab Steiner einflussreiche Anregungen für verschiedene Lebensbereiche, etwa Pädagogik (Waldorfpädagogik), Kunst (Eurythmie, anthroposophische Architektur), Medizin (anthroposophische Medizin), Religion (die Christengemeinschaft) oder Landwirtschaft (biologisch-dynamische Landwirtschaft).

Kindheit und Jugend

Kam aus dem niederösterreichischen Waldviertel, Niederösterreich, während der Dorfschule bereits Autodidakt > Geometrie und Kants Kritik der Vernunft.

Besuch der Realschule ,Technische Hochschule in Wien studieren. Seine Studienfächer waren Mathematik und Naturwissenschaften mit dem Ziel des Lehramts an Realschulen. Daneben Philosophie, Literatur und Geschichte.  1891 wurde er an der Universität Rostock mit einer Arbeit über Die Grundfrage der Erkenntnistheorie (später erweitert als Buch unter dem Titel Wahrheit und Wissenschaft erschienen) bei Heinrich von Stein zum Dr. phil. promoviert.

Der frühe Steiner

Von 1882 bis 1897 war Steiner Herausgeber der naturwissenschaftlichen Schriften Johann Wolfgang von Goethes. Er besorgte in dieser Zeit zwei Ausgaben, erst im Rahmen der Deutschen Nationallitteratur Joseph Kürschners, dann (ab 1890) als Mitarbeiter des gerade gegründeten Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar im Rahmen der sogenannten Sophienausgabe – nach der Begründerin des Archivs, Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach –, heute bekannt als die Weimarer Ausgabe. In Kürschners Nationalliteratur, wo Steiner dank der Empfehlung durch seinen Wiener Germanistik-Professor Karl Julius Schröer als Mitarbeiter verpflichtet wurde, bestand seine Aufgabe vor allem darin, erläuternde Kommentare und philosophische Einleitungen beizusteuern, während es sich bei der Weimarer Ausgabe fast nur um philologische Kleinarbeit handelte.

Die ersten von Steiner herausgegebenen Goethe-Bände wurden allgemein mit Wohlwollen aufgenommen  aber schon früh und bald mit zunehmender Schärfe wurde allerdings bemängelt, dass Steiner in seinen Einleitungen nicht Goethes Weltanschauung darstelle, sondern seine eigene.

Daneben gab Steiner auch die Werke des Philosophen Arthur Schopenhauer und des Dichters Jean Paul heraus. Seinen Lebensunterhalt musste er jedoch bis 1890 überwiegend als Erzieher und Hauslehrer der vier Söhne eines jüdischen Kaufmanns bestreiten. Erst mit der Berufung an das Weimarer Archiv fand er als Goetheforscher ein bescheidenes Auskommen.

Zu den zahlreichen Kontakten, die Steiner in seiner Wiener Zeit (1879–1890) pflegte, gehören der Esoteriker Friedrich Eckstein, der ihn mit der Theosophie Helena Petrovna Blavatskys bekannt machte, und die Frauenrechtlerin Rosa Mayreder, seine wichtigste Gesprächspartnerin bei der Ausgestaltung seiner Freiheitsphilosophie. In der Weimarer Zeit knüpfte er Kontakte zu Herman Grimm, Otto Erich Hartleben, Ernst Haeckel und Elisabeth Förster-Nietzsche. Ab 1892 wohnte er bei der frisch verwitweten Anna Eunike (1853–1911) und ihren fünf Kindern, die 1899 seine erste Ehefrau wurde.

In dieser Zeit entstanden einige philosophische Werke:

zunächst die erkenntnistheoretischen Schriften Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung (1886) und

sein Hauptwerk Wahrheit und Wissenschaft (1892),

Seine Erkenntnistheorie,

die er in der Auseinandersetzung mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften entwickelt hatte, nahm in Anlehnung an den Deutschen Idealismus und namentlich an Johann Gottlieb Fichte ihren Ausgangspunkt im erkennenden Subjekt. Entscheidend war dabei für Steiner die Erfahrung des eigenen Denkens: Die „Beobachtung“ des Denkens sei die „allerwichtigste“ Wahrnehmungsleistung des Menschen. Denn nur das, was er selbst denke, könne er vollkommen durchschauen. Damit sei „ein fester Punkt gewonnen, von dem aus man mit begründeter Hoffnung nach der Erklärung der übrigen Welterscheinungen suchen kann“.

Erkenntnisinhalt

Jede Art des Seins, die weder durch Wahrnehmung noch durch Denken erfahrbar sei, wies Steiner als „unberechtigte Hypothesen“ zurück. Mit dieser positivistischen Abweisung jeglicher transzendenten „Realität“, deren Existenz und zugleich prinzipielle Nicht-Erkennbarkeit andere Philosophen voraussetzten, stellte sich Steiner in Gegensatz zu der von Kant geprägten Universitäts-Philosophie seiner Zeit. Für den jungen Goethe-Forscher gab es nur eine Welt und somit keine prinzipiellen Grenzen des Erkennens. In diesem Sinn bezeichnete Steiner seine Weltanschauung auch als „Monismus“. In einem Brief bekannte er:

„Ich kämpfe, seitdem ich schriftstellerisch tätig bin, gegen allen Dualismus und sehe es als Aufgabe der Philosophie an, durch eine streng positivistische Analyse unseres Erkenntnisvermögens den Monismus wissenschaftlich zu rechtfertigen, also den Nachweis zu führen, daß die in der Naturwissenschaft gewonnenen Ergebnisse wirkliche Wahrheiten sind. Deshalb mußte ich mich ebenso gegen den Kantianismus mit seinen zweierlei Wahrheiten wie gegen das moderne ‚Ignorabimus‘ wenden.“

Steiners Monismus

war jedoch nicht mit dem materialistischen Monismus identisch, den 1899 Ernst Haeckel fünf Jahre später in seinem Buch Die Welträtsel popularisierte. Allerdings bekannte sich Steiner auch nach dem Erscheinen der Welträtsel zu Haeckel, obwohl dieser radikal – und sehr modern – die Konsequenzen aus seiner monistischen Weltsicht zog. So heißt es in den Welträtseln

„Der Monismus […] lehrt uns die ausnahmslose Geltung der ewigen, ehernen, großen Gesetze im ganzen Universum. Damit zertrümmert derselbe aber zugleich die drei großen Zentral-Dogmen der bisherigen dualistischen Philosophie, den persönlichen Gott, die Unsterblichkeit der Seele und die Freiheit des Willens.“[11]

Evolutionstheorie Haeckel-Steiner

Steiners Verhältnis zu Haeckel war bei aller ostentativen Parteinnahme durchaus zwiespältig. Als Haeckels Die Welträtsel erschien, begleitet von heftigen Angriffen auf den Autor vor allem von Seiten der Kirchen, stellte sich Steiner in einer Aufsatzserie (Haeckel und seine Gegner, 1899) rückhaltlos auf Haeckels Seite. Auch später, in seiner theosophischen Phase, bezeichnete er Haeckels kämpferisches Eintreten für die Evolutionstheorie als „die bedeutendste Tat des deutschen Geisteslebens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts“[12] Die Problematik dieser Haltung war Steiner selbst durchaus bewusst. So formulierte er eine mögliche Kritik aus der Sicht eines Haeckel-Anhängers: „Wie kann man einmal so für Haeckel eintreten und dann wieder allem ins Gesicht schlagen, was als gesunder ‹Monismus› aus Haeckels Forschungen folgt? Man könnte begreifen, dass der Verfasser dieser ‹Geheimwissenschaft› mit ‹Feuer und Schwert› gegen Haeckel zu Felde ziehe; dass er ihn verteidigt hat, ja dass er ihm sogar ‹Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert› gewidmet hat, das ist wohl das Ungeheuerlichste, was sich denken läßt. Haeckel hätte sich für diese Widmung wohl ‹mit nicht mißzuverstehender Ablehnung› bedankt, wenn er gewußt hätte, dass der Widmer einmal solches Zeug schreiben werde, wie es diese ‹Geheimwissenschaft› mit ihrem mehr als plumpen Dualismus enthält.“[13]

Die Berufung Steiners auf Haeckel

gilt als wichtiges Deutungsproblem für das Verständnis von Steiners intellektueller Entwicklung. So heißt es etwa in einer Rezension der Wiederauflage von Karl Ballmers Aufsatz Ernst Haeckel und Rudolf Steiner: „Derselbe Rudolf Steiner, der eine neue Christologie und damit auch ein neues Verhältnis zum Vatergrund alles Seins verkündete, die Lehre vom Leben des Menschen nach dem Tode so ausführlich zur Darstellung brachte und eine ‚Philosophie der Freiheit‘ schrieb, stellt sich auf die Seite des Leugners von Gott, Unsterblichkeit und Freiheit! Wer kann das begreifen?“[14] Übereinstimmend auch Gerhard Wehr:„Wie reimt sich all das zusammen? – Keine Frage, seinen Schülern und wohlwollenden Interpreten hat es Steiner mit der Deutung der Haeckel-Episode nicht eben leicht gemacht.“

Seine monistische Erkenntnistheorie betrachtete Steiner aber nur als „Vorspiel“,

 als „philosophischen Unterbau“ einer radikal individualistischen Freiheitsphilosophie, mit welcher er eng an Friedrich Nietzsche und Max Stirner anschloss. In der Philosophie der Freiheit werden diese Denker zwar nicht erwähnt,[16] doch schon im folgenden Jahr erschien Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit (1895), worin Steiner den „Einklang“ mit den Anschauungen Nietzsches betonte und bedauerte, dass dieser seine Lehren auf Schopenhauer statt auf Stirner gegründet hatte. „Welchen Weg hätte Nietzsche genommen, wenn nicht Schopenhauer, sondern Max Stirner sein Erzieher geworden wäre!“ (Rudolf Steiner[17]) [18] Den Ausspruch Nietzsches: „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt. Wohlan, das war Freiheit des Geistes, damit war der Wahrheit selbst der Glaube gekündigt“ kommentierte Steiner mit den Worten:

Herrennatur. Steiner, Nietzsche, Stirner ..

„Daß diese Sätze die Empfindungen einer vornehmen, einer Herrennatur zum Ausdruck bringen, die sich die Erlaubnis, frei, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben, durch keine Rücksicht auf ewige Wahrheiten und Vorschriften der Moral verkümmern lassen will, fühlen diejenigen Menschen nicht, die, ihrer Art nach, zur Unterwürfigkeit geeignet sind. Eine Persönlichkeit, wie die Nietzsches ist, verträgt auch jene Tyrannen nicht, die in der Form abstrakter Sittengebote auftreten.“

Diejenigen Zeitgenossen, die Nietzsche wegen seiner Aufkündigung moralischer Bindungen einen „gefährlichen Geist“ genannt hatten, bezeichnete Steiner abfällig als „kleinlich denkende Menschen“.[19] Dagegen hob er Nietzsches „Übermenschen“ hervor, der in Steiners Deutung mit dem „Eigner“ Max Stirners identisch ist: „Dieser auf sich selbst gestellte, nur aus sich heraus schaffende Eigner ist Nietzsches Übermensch.“[20] Der Übermensch ist für Steiner also der „von allen Normen befreite Mensch, der nicht mehr Ebenbild Gottes, Gott wohlgefälliges Wesen, guter Bürger u.s.w., sondern er selber und nichts weiter sein will – der reine und absolute Egoist.“[21] Der Menschentyp, der heute „gewollt, gezüchtet, erreicht [werde, sei] das Haustier, das Herdentier, das kranke Tier Mensch, – der Christ …“. Der „höherwertige Typus“ dagegen sei frei und nichts als er selbst.

Steiner bewunderte den autoritäts- und wahrheitskritischen Gestus radikaler Denker wie Nietzsche und Stirner. Bei Stirner gefiel ihm die Überhöhung des Individuums. Stirners Satz: „Alle Wahrheiten unter mir sind mir lieb; eine Wahrheit über mir, eine Wahrheit, nach der ich mich richten müßte, kenne ich nicht“, kommentierte er mit den Worten: „Ein Eroberer ohne gleichen ist Max Stirner, denn er steht nicht mehr im Solde der Wahrheit; sie steht in dem seinen.“[22] Bei Nietzsche konnte Steiner an die Idee des „freien Geistes“ anknüpfen, der sich über Gott und Wahrheitsglauben emporschwingt: „Der ‚freie Geist‘ kommt zum Bewußtsein seines Schaffens der Wahrheit. Er betrachtet die Wahrheit nicht mehr als etwas, dem er sich unterordnet; er betrachtet sie als sein Geschöpf.“

Wahrheit und Autorität

verband Steiner mit Stirner und Nietzsche. Im Sinne der „Egoität“ (Steiner) begrüßte er Nietzsches Wort vom „Tod Gottes“ und der Stellung des Menschen „jenseits von Gut und Böse“. Er proklamierte: „An Gottes Stelle den freien Menschen!!!“ An anderer Stelle zitierte Steiner zustimmend ein Zitat des Stirner-Biographen John Henry Mackay, in dem es hieß

Ich glaubte nie an einen Gott da droben,

Den Lügner oder Toren nur uns geben.

Ich sterbe – und ich wüßte nichts zu loben

Vielleicht nur Eins – daß wir nur einmal leben!

Solche Wendungen illustrieren Steiners Ablehnung eines Glaubens an das Jenseits, an die Wiedergeburt und die Idee eines allmächtigen Gottes.

Jenseitsbegriff . Steiner und Stirner

Der von Steiner verehrte Stirner hatte in seinem Hauptwerk Der Einzige und sein Eigentum geschrieben: „Das Jenseits ausser Uns ist […] weggefegt, und das grosse Unternehmen der Aufklärer vollbracht; allein das Jenseits in Uns ist ein neuer Himmel geworden und ruft Uns zu neuen Himmelstürmen auf.“[27] Auch für den damals Stirners Grundposition[28] nahestehenden Steiner hatte das Menschenleben nur den Zweck und die Bestimmung, die der Mensch ihm selbst verleihe: „Meine Sendung in der Welt ist keine vorherbestimmte, sondern sie ist jeweilig die, die ich mir erwähle.“

 

Damit ist die Philosophie der Freiheit

ein Bekenntnis zum Individualismus und Monismus. Der Monismus leugnet eine geistige Welt jenseits der dem menschlichen Erkennen zugänglichen Wirklichkeit. Reale und geistige Welt fallen nicht dualistisch auseinander, sondern sie sind eins. Eduard von Hartmann urteilte, diese Position führe mit unausweichlicher Konsequenz zum Solipsismus, absoluten Illusionismus und Agnostizismus.[30]

Im Sinne Stirners und Nietzsches proklamiert Steiner: „Der Mensch hat nicht den Willen eines außer ihm liegenden Wesens in der Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen; er verwirklicht nicht die Ratschlüsse und Intentionen eines andern Wesens, sondern seine eigenen.“ Hinter handelnden Menschen sieht dieser Monismus dabei nicht Zwecke einer ihm fremden Weltlenkung, sondern nur eigene, menschliche Zwecke. Gegenüber der Autoritäts- und Jenseitsgläubigkeit positioniert Steiner im Sinne des Idealismus das „lebendige Denken“ des „Ichs“ und den „freien Geist“.

Steiners philosophisches Magnum Opus Die Philosophie der Freiheit

wurde in einigen Kulturzeitschriften, auch von Arthur Drews und Bruno Wille, positiv besprochen.[31] Doch gelang es Steiner nicht, in der akademischen Philosophie Fuß zu fassen. Ein Habilitationsversuch im Jahre 1894 scheiterte. Auch seine Dissertation, auf der die „Philosophie der Freiheit“ basierte, hatte er nur knapp mit der Bewertung „rite“ (ausreichend) bestanden.[32] Eduard von Hartmann, dem Steiner seine Dissertation „in warmer Verehrung zugeeignet“ hatte, kam zu einem vernichtenden Urteil über dieses Werk. Ernst Haeckel, der aus dem Umfeld Steiners um Vermittlung einer Stelle an der Universität Jena gebeten worden war, versagte jegliche Unterstützung.
Steiner als Vorkämpfer von  Nietzsche

Kurze Zeit arbeitete Steiner unter Elisabeth Förster-Nietzsche am Nachlass Nietzsches und war als Herausgeber der Werke im Gespräch. Im Rahmen dieser Tätigkeit erstellte er die erste Nietzsche-Bibliographie und das erste Verzeichnis von Nietzsches Bibliothek überhaupt. Letzteres wurde zur Grundlage aller später publizierten Kataloge. Dabei konnte Steiner auch die noch unveröffentlichte Autobiographie Nietzsches, Ecce Homo, einsehen und durfte dem geistig umnachteten Denker bei einem Besuch am 22. 1. 1896 persönlich gegenübertreten. Nach einem Eklat um die Frage der Herausgeberschaft brach Steiner mit Förster-Nietzsche, machte 1900 als erster auf die zweifelhaften Machenschaften des Nietzsche-Archivs von dessen Nietzsche-Ausgabe aufmerksam

.Der Publizist

Der sozialistische Kunstkritiker John Schikowski schrieb am 31. März 1925 in einem Nachruf für den sozialdemokratischen Vorwärts, auf eine gemeinsame Zeit mit Steiner in Berlin zurückblickend:

„Der Weltanschauung nach war er Haeckelianer, Materialist und Atheist, politisch nannte er sich Anarchist und wir Sozialdemokraten galten ihm als Bourgeois. Was ihn übrigens nicht hinderte, im Rahmen sozialdemokratischer Bildungsorganisationen Vorträge über literarische Themen zu halten. In seiner Lebensführung war er durchaus Libertin, deren Held ‚Rudi Steiner‘ war…

In der Theosophischen Gesellschaft / TG

Rudolf Steiner mit Annie Besant, Präsidentin der Theosophischen GesellschaftAls bekannter Nietzsche-Kenner war Steiner nach Nietzsches Tod im Jahre 1900 als Vortragsredner über den radikalen Denker gefragt. Im September 1900 hielt er auch in der Theosophischen Bibliothek des Grafen Cay von Brockdorff in Berlin je einen Vortrag über Nietzsche und über „Goethes geheime Offenbarung“.

TG eine esoterische, teils als obskur geltende Vereinigung, in der sich global Menschen zusammenschlossen, die auf der Suche nach einem neuen spirituellen Weltbild waren. Die Lehren der 1891 verstorbenen Mitbegründerin Helena Petrovna Blavatsky spielten dabei eine tragende Rolle. Die Deutsch-Ukrainerin hatte einen stark durch östliche Philosophien beeinflussten Okkultismus vertreten und gilt heute als die bedeutendste Wegbereiterin der „modernen“ Esoterik gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Schon zu Lebzeiten waren ihr aber auch – vor allem im Zusammenhang mit Briefen fraglicher Herkunft, die von indischen Meistern stammen sollten – betrügerische Machenschaften vorgeworfen worden. Ihre Nachfolgerin in der Leitung der TG, Annie Besant, war vor allem dem Hinduismus zugewandt.

Steiner betonte die Einmaligkeit und Einzigartigkeit der Person des Jesus Christus, der von den älteren Theosophen nur als ein hochentwickelter Mensch (ein sogenannter „Meister“) neben anderen angesehen wurde. Diese Ansichten publizierte Steiner – als schriftliche Fassungen seiner Vorträge in der Theosophischen Bibliothek – in den Büchern Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens (1901) und Das Christentum als mystische Tatsache (1902). Diese Eigenständigkeit stand im Einklang mit dem ursprünglichen Grundprinzip der 1875 gegründeten Gesellschaft: „Keine Religion höher als die Wahrheit!“

Steiner erhob gegenüber dem in der TG tonangebenden Orientalismus den Anspruch, „Theosophie“ eigenständig aus dem abendländischen Geistesleben heraus zu entwickeln. WANDEL > Schon 1903 bekannte er sich aber auch zur

Lehre von Reinkarnation und Karma, die er seinerseits als „vom Standpunkte der modernen Naturwissenschaft notwendige Vorstellungen“ bezeichnete und entsprechend abzuleiten suchte.[48] Das brachte ihm schon früh den Vorwurf ein, Eklektiker zu sein.[

Steiner: vom Denk-Erleben zum Geist-Erleben

In seiner neuen Zuhörerschaft hatte sich auch Steiners Terminologie gegenüber seinen früheren Schriften stark verändert, etwa wenn er nun von höheren Welten und Mysterien sprach. Das Eintreten für die theosophische Bewegung führte zum Bruch mit zahlreichen früheren Freunden. Bruno Wille etwa warnte Steiner, der Begriff Theosophie sei „arg diskreditiert durch buddhistische Scholastik, occultistischen Aberglauben und spiritistischen Schwindel.“

Innerhalb der Theosophischen (und später der Anthroposophischen) Gesellschaft

 trat Steiner vor allem als Vortragsredner in Erscheinung. In den gut zwei Jahrzehnten bis zu seinem Tod hielt er rund 6000 Vorträge, So entstanden etwa 4500 stenografische Mitschriften,[51] die teils schon zu Steiners Lebzeiten, überwiegend aber erst nach seinem Tod in Buchform publiziert wurden und heute auch im Internet frei verfügbar sind. Sie machen den größten Teil von Steiners heute schriftlich vorhandenem Werk aus und sind insofern nicht unproblematisch, als sie – von wenigen Ausnahmen abgesehen – von Steiner selbst nie durchgesehen wurden.

1904 erschien das Buch Theosophie

(mit dem Untertitel Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung), in dem er die jetzt von ihm vertretene Lehre erstmals ausführlich darlegte. Anknüpfend an Johann Gottlieb Fichte sprach er darin von einem „geistigen Auge“, das es ermögliche, neben der gewohnten physischen Welt noch eine seelische und eine geistige Welt wahrzunehmen und zu erforschen. Während traditionelle Esoteriker die okkulten Erkenntnisse als über ein Lehrer-Schüler-Verhältnis vermittelte „Einweihung“ ansahen, wollte Steiner zu einer selbstbestimmten Erkenntnisleistung anleiten. Diese Anleitungen vertiefte er in der Aufsatzserie Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (1904/05).

Akasha-Chronik, erst posthum 1939

Aus der Akasha-Chronik (1904–1908) griff Steiner nun vermehrt Themen aus der Lehre Blavatskys und anderer ihr nahestehender Okkultisten auf, darunter die Lehre von den „Wurzelrassen“. Er beschrieb diese „Akasha-Chronik“ als eine der „geistigen“ Wahrnehmung zugängliche „Schrift“. Trotz einzelner Abweichungen und eigenständigen Schwerpunktsetzungen hatte sich Steiner aber anscheinend den Grundrahmen der theosophischen Weltsicht zu eigen gemacht.[52]

Eine ausführliche Zusammenfassung seiner esoterischen Lehre gab er 1910  Die Geheimwissenschaft im Umriss heraus –

Als Grundlage seiner „geisteswissenschaftlichen“ Darstellungen unterschied Steiner mehrere Erkenntnisstufen. Neben der gewöhnlichen Erkenntnis gebe es demnach die „imaginative“, die „inspirative“ und die „intuitive“ Erkenntnis. Durch strenge Schulung lassen sich dieser Lehre zufolge immer höhere Erkenntnisstufen erreichen, die einen erkenntnismäßigen Zugang zur übersinnlichen Welt ermöglichen. Diese „Geisteswissenschaft“ soll laut Steiner Menschen dazu befähigen, die physische Welt in ihrem Zusammenhang mit der „geistigen“ Welt zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus die Welt zu gestalten. Von diesem Standpunkt aus verknüpfte Steiner seine frühen Ansätze zu einer „Philosophie der Denk-Erfahrung“ mit so unterschiedlichen religiösen Vorstellungen und Traditionen wie Karma, Reinkarnation, Okkultismus und Rosenkreuzertum.

Über die Jahre kam es zu einer zunehmenden Entfremdung zwischen der Weltorganisation der TG und den deutschen Sektionen und Logen. Steiner war ein wesentlicher Protagonist in dieser Auseinandersetzung. Eine ernste Krise entstand, als einige Vertreter der TG – allen voran Charles Webster Leadbeater – den sechzehnjährigen Jiddu Krishnamurti im Jahre 1911 als kommenden Weltlehrer, Maitreya, propagierten und das in manchen Kreisen als eine „Reinkarnation Christi“ aufgefasst wurde.

Steiner lehnte den Kult um Krishnamurti und den in diesem Zusammenhang gegründeten Order of the Star in the East ab.]

Anthroposophische Gesellschaft

Der bereits am 28. Dezember 1912 in Köln gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft traten die meisten der 2500 ehemaligen Mitglieder bei und innerhalb Jahresfrist kamen über 1000 weitere Mitglieder dazu. In der neuen Organisation hatte Steiner nicht mehr selbst die Leitung inne – den Vorstand bildeten Marie von Sivers, Michael Bauer und Carl Unger –, er war aber der wichtigste Vortragsredner und Ehrenpräsident.

Der späte Steiner

Nach dem Bruch mit der Theosophischen Gesellschaft veränderte Steiner auch den terminologischen Rahmen seiner Lehre. Dabei war „Anthroposophie“ jedoch im Wesentlichen nur eine andere Bezeichnung für das, was er bis zum Ausschluss aus der Theosophischen Gesellschaft als „Theosophie“ vertreten hatte. In Neuauflagen von Steiners bisherigen Werken wurde die Bezeichnung „Theosophie“ weitgehend durch „Anthroposophie“ oder „Geisteswissenschaft“ ersetzt. Die Wahl dieser Bezeichnungen erläuterte Steiner folgendermaßen:

„ Anthroposophie ist also Wissen des Geistesmenschen; und es erstreckt sich dieses Wissen nicht bloß über den Menschen, sondern es ist ein Wissen von allem, was in der geistigen Welt der Geistesmensch so wahrnehmen kann, wie der Sinnesmensch in der Welt das Sinnliche wahrnimmt. Weil dieser andere Mensch, dieser innere Mensch, der Geistesmensch ist, so kann man dasjenige, was er als Wissen erlangt, auch ‚Geisteswissenschaft‘ nennen. …

Das  Goetheanum

Das zweite Goetheanum in Dornach (1928 bis heute)Der späte Steiner wandte sich verstärkt Kunst und Architektur zu. In den Jahren 1910 bis 1913 wurden in München seine vier „Mysteriendramen“ uraufgeführt. Von 1913 bis 1922 entstand unter seiner künstlerischen Leitung in Dornach bei Basel das Goetheanum als Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft und Sitz der geplanten Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Nachdem der Holzbau in der Silvesternacht 1922/23 abgebrannt war (die zeitgenössische Presse vermutete Brandstiftung seitens militanter Steiner-Gegner), entwarf Steiner ein zweites, größeres Goetheanum aus Beton, das 1928, also erst nach seinem Tod, fertiggestellt wurde. Der expressive Baustil des aus Stahlbeton gefertigten neuen Goetheanums im Gegensatz zu seinem impressionistisch geprägten Vorgänger zeigt, dass Steiners Architekturstil binnen weniger Jahre einen radikalen Wandel erfuhr. Dieser Stil sollte – unter anderem unter dem Stichwort Organische Architektur – eine weit verzweigte Wirkung auf die moderne Architektur entfalten (eine Beschäftigung mit Steiner lässt sich etwa zeigen für Le Corbusier, Henry van de Velde, Frank Lloyd Wright, Erich Mendelsohn, Hans Scharoun, Frank O. Gehry sowie Hinrich Baller).

Steiner’s verschwörungstheoretische Schrift

Im Kampf gegen den Kriegsschuldvorwurf an Deutschland finanzierte Steiner eine verschwörungstheoretische Schrift, in der Freimaurern, Juden und Theosophen die Schuld am Ersten Weltkrieg angelastet wurde. Diese Schrift des Okkultisten Karl Heise, die mit einer Einleitung Steiners versehen war, wurde später von den Nationalsozialisten rezipiert.[59]

In einer enormen thematischen Breite als Impulsgeber und Erneuerer wirkte er unter anderem als

Reformpädagoge (Waldorfpädagogik), Sozialreformer (Soziale Dreigliederung) und auf dem Gebiet der Kunst (Architektur, Bewegungskunst, Sprachgestaltung). Er begründete mit der Ärztin Ita Wegman die anthroposophische Medizin und lieferte die weltanschauliche Grundlage für eine Religionsgemeinschaft (Die Christengemeinschaft). In seinem letzten Lebensjahr gab er noch die Anregung zur Begründung der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Viele von Steiners Ideen sind bis heute wirkungsmächtig. So erleben etwa Waldorfschulen und -kindergärten, biologisch-dynamischer Landbau (Demeter) und anthroposophische Medizin stetig wachsenden Zuspruch.

Am 30. März 1925 starb Steiner nach mehrmonatiger schwerer Krankheit in Dornach.

Der Biograph Gerhard Wehr spricht von „Krise und Wandlung“ im Leben Steiners.[64] Steiner habe um die Jahrhundertwende eine „innere Wendung [vollzogen,] deren Interpretation dem Biographen manche Schwierigkeiten bereitet“.:

Beispiel Nietzsche und früher Steiner: „Das Christentum hat die Partei alles Schwachen, Niedrigen, Mißratenen genommen, es hat ein Ideal aus dem Widerspruch gegen die Erhaltungs-Instinkte des starken Lebens gemacht.“ Dieser Angriff Nietzsches auf das Fundament christlicher Glaubensinhalte hatte den jungen Steiner tief beeindruckt.

Steiners geistige Wende war radikal.

Hatte er Stirner anfangs als „den freiesten Denker“ bezeichnet, „den die neuzeitliche Menschheit hervorgebracht hat“, wurde er für ihn zu einem „furchtbar deutlich sprechenden Symbolum der untergehenden [bürgerlichen] Weltanschauung“.[75] Auch Nietzsches Antichrist wurde nun als Inbegriff des Satanischen betrachtet. Seine Kapitel hätten einen „oftmals so teuflischen Inhalt“, meinte Steiner und schrieb sie Ahriman zu,[76] dem bösen Gott des Parsismus, der in seiner Interpretation der Menschenseele den Zugang zur seelisch-geistigen Welt versperren möchte, um ihr Bewusstsein mit materialistischen Versuchungen an die physische Leiblichkeit zu ketten.

Stimmen zu Steiner

Der Schriftsteller Max Osborn schrieb in seinem Nachruf in der Vossischen Zeitung:

„Der Anthroposophenmeister, der uns soeben verlassen hat, war nicht immer ein schwärmerischer Mystiker, der mit Behagen die Verehrung einer gläubigen Gemeinde entgegennahm. Als ich ihn in den neunziger Jahren in Weimar kennen lernte […], war er uns Jüngeren besonders teuer durch die schöne Respektlosigkeit, mit der er sich über alles äußerte, was an der Ilm heilig war […]. Als ich ihm nach längerer Zeit wieder auf der Straße begegnete, in schwarzem Paletot, mit schwarzem Schlapphut, in schwarzem Anzug, mit schwarzen Handschuhen […] sah er aus wie ein verzückter Dorfschullehrer. Ich wunderte mich nicht, als ich hörte, dass er adligen Damen in Vortragskursen von übersinnlichen Dingen erzähle. Das war der Beginn seines Aufstiegs in die neue Geltung.“

– Max Osborn

Der Schriftsteller Stefan Zweig lernte den 40-jährigen Steiner kurz vor dessen Hinwendung zur Theosophie in dem Berliner Literatenkreis Die Kommenden kennen und berichtete später darüber:

'„Hier, in Rudolf Steiner, […] begegnete ich nach Theodor Herzl zum ersten mal wieder einem Mann, dem vom Schicksal die Mission zugeteilt werden sollte, Millionen Menschen Wegweiser zu werden.

– Stefan Zweig[86]

Nach seiner Hinwendung zur Theosophie wuchs Steiners Bekanntheit kontinuierlich. Die Journalisten traten Steiner überwiegend reserviert, meist distanziert, ironisch bis spöttisch oder gar hämisch gegenüber. Besonders seit 1919 erschien Steiner in zeitgenössischen Zeitungsberichten oft als eine Art Scharlatan oder Blender.

_ Kurt Tucholsky in der legendären linksbürgerlichen Wochenschrift Weltbühne:

„Rudolf Steiner, der Jesus Christus des kleinen Mannes, ist in Paris gewesen und hat einen Vortrag gehalten. […] Ich habe so etwas von einem unüberzeugten Menschen überhaupt noch nicht gesehen. Die ganze Dauer des Vortrages hindurch ging mir das nicht aus dem Kopf: Aber der glaubt sich ja kein Wort von dem, was er da spricht! (Und da tut er auch recht daran.) […] Wenns mulmig wurde, rettete sich Steiner in diese unendlichen Kopula, über die schon Schopenhauer so wettern konnte: das Fühlen, das Denken, das Wollen mit gar mächtigem Getön und einer falsch psalmodierenden Predigerstimme, die keinen Komödianten lehren konnte. Man war versucht zu rufen: Danke – ich kaufe nichts.“

– Kurt Tucholsky[89]

_ Selma Lagerlöf urteilte:

„Der Mann ist ein ganz merkwürdiges Phänomen, das man versuchen sollte, ernst zu nehmen. Er verkündigt einige Lehren, an die ich lange geglaubt habe, unter anderem, dass es in unserer Zeit nicht angeht, eine Religion voll unbewiesener Wunder anzubieten: sondern die Religion muss eine Wissenschaft sein, die bewiesen werden kann, es gilt nicht mehr zu glauben, sondern zu wissen.. Das ist wahr und richtig, und dazu ist alles bei ihm vertrauenswürdig und klug ohne Charlatanerie. In einigen Jahren wird seine Lehre von den Kanzeln verkündet werden.“

– Selma Lagerlöf

_ Pfarrer Jan Badewien, Beauftragter der Evangelische Landeskirche in Baden für weltanschauliche Fragen stellte 2002 die These auf: „Steiner verwendet antijüdische Stereotype, wie sie aus anderer antijüdischer Polemik bekannt sind, begründet sie aber anthroposophisch. […] Steiners Antijudaismus ist strukturell bedingt – wie auch sein Rassismus. Es geht nicht um physische Vernichtung, aber um Elimination der kulturellen und religiösen Identität. Solche Lehren gab es aus unterschiedlichen Richtungen zu seiner Zeit – sie haben den Antisemitismus in Nazi-Deutschland ideologisch mit vorbereitet.“  ***

 

 

 


Um diesen Artikel zu drucken markieren Sie ihn bitte mit gedrückter Maustaste und kopieren ihn in Ihr
Textverarbeitungsprogramm z.B. Word. !

Copyright © 1999 - 2014[kultur-punkt.ch]. Alle Rechte vorbehalten.

.