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SWR2 Wissen: Aula Professor Wilhelm Schmid:  Wie umgehen mit der Endlichkeit? Philosophieren heißt Sterbenlernen

Dem Leben Sinn geben. Von der Lebenskunst im Umgang

Unglücklich sein – Eine Ermutigung.

 

ÜBERBLICK

Der Mensch ist sich seiner Sterblichkeit bewusst

In der Gesellschaft gibt es eine neue Sichtbarkeit des Todes, kaum ein Tatort im Fernsehen kommt ohne Leichensezierung aus, viele medizinische Debatten drehen sich um den Hirntod oder um aktive Sterbehilfe, der philosophische Diskurs thematisiert die Endlichkeit des Daseins. Gleichzeitig ist immer noch unklar, wie jeder Einzelne mit Sterben und Tod umgehen soll? Wilhelm Schmid, Lebensphilosoph

INHALT

Mit dem Thema: „Wie umgehen mit der Endlichkeit? Philosophieren heißt Sterbenlernen.“

Vor einigen Wochen kam in der Aula der Kulturwissenschaftler Thomas Macho zu Wort, der von einer neuen Sichtbarkeit des Todes gesprochen hatte

Mysterium

Dass es ein Mysterium des menschlichen Lebens gibt, wird spätestens mit dem Tod plötzlich erfahrbar. Im Laufe des Lebens ist es erst einmal der Tod Anderer, der Menschen zutiefst irritiert. Bricht der Tod plötzlich herein, bleibt nur noch der Abschied vom Toten.

Wo aber der Tod sich Zeit lässt, geht ihm ein Sterben voraus, das eine sehr große Herausforderung sein kann. Es kann eine erfüllte, aber auch eine quälend lange Zeit sein, eine Zwischenzeit mit einem unentschiedenen Hin und Her zwischen der bestimmten Wirklichkeit, zu der dieses Leben in seiner Gesamtheit jetzt wird, und der unbestimmten Möglichkeit des Todes, von dem unklar ist, wann und wie er eintreffen wird.

Das Leben hängt in der Luft, nicht nur das Leben des Sterbenden, sondern auch derer, die bei ihm sind, mit ihm in irgendeiner Weise zu tun haben und in dieser Zeit den Boden unter den Füßen verlieren können.

Und wenn der geliebte Mensch nicht mehr da ist, ergibt sich daraus eine abgrundtiefe Traurigkeit. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass sich in diesem Moment die Menschheitsgeschichte wiederholt, denn das gesamte Werden des Menschen ging wohl mit dem Erschrecken über den Tod einher und mit der Unruhe darüber, wohin ein Mensch dann geht. Plötzlich wird klar, dass das Wesentliche des Lebens, das einen Menschen von klein auf durchdringt, mit dem Tod entschwunden ist. Aber wohin? Was ist mit dem Menschen, der „gegangen ist“? Welche Beziehung zu ihm ist noch möglich? Was kommt nach dem Tod? Was bleibt? Die Seele? Was ist die Seele? Ein göttlicher Hauch? Wie ist das vorstellbar?Kann ein Toter wirklich tot sein? Was geschieht mit ihm?

Molekulare Reise

Körperlich, nüchtern, materiell gesehen, gehen die Atome und Moleküle früher oder später in andere Atom- und Molekülverbände über, kein einziges Atom oder Molekül geht verloren. Der Körper hört in der gegebenen Form zu existieren auf, seine Bestandteile erleben jedoch eine Verwandlung in andere Formen. Die Annahme liegt nahe, dass sich dies mit Seele und Geist ganz ähnlich verhält. Denn was liegt ihnen zugrunde? Es können doch wohl nur Energien sein, denn das ist es, was den toten Körper vom lebenden unterscheidet: Die Energien sind nicht mehr in ihm, Wärmeenergie, elektrische Energie, Bewegungsenergie. Wenn aber das Wesentliche eines Wesens die Energien sind, die es beleben, dann gilt: Energie stirbt nicht. Das besagt der Energieerhaltungssatz, den Hermann von Helmholtz 1847 für die Physik formulierte und der auch für die Energieformen gelten könnte, die dem Körper, der Seele und dem Geist eines Menschen zugrundeliegen, für die bekannten – und die unbekannten.

Die Energie des Lebens, die mit dem Tod entschwindet, ist dann weiterhin „da“, ohne genau lokalisierbar zu sein. Sie bleibt im Raum, unsichtbar und doch spürbar, kein Quantum geht verloren. Vorstellbar ist jedoch, dass nun andere Formen des Lebens damit aufleben, andere Menschen, Wesen und Dinge durchpulst werden und der Tote auf diese Weise weiterlebt. Die Lebenden, die den Tod nicht fliehen, können die Energie wahrnehmen, aufnehmen und mit ihr ins Leben zurückkehren. Der neue Mut, der sie überkommt, verdankt sich womöglich der Energie, die der Tote nicht mehr für sich beansprucht, sondern dem überlässt, der in Beziehung zu ihm bleibt.

Die Zuwendung, die einem Menschen vor dem Tod gewährt worden ist, schenkt dieser nach seinem Tod den Lebenden. Es ist, als trage er mit seiner Präsenz, die sich vom Körper gelöst hat, ihre Ichs, geleite sie auf allen Wegen und halte schützend die Hand über sie. So lebt das Wesentliche eines Menschen vielleicht weiter in den Lebenden und trägt zu ihrem inneren Reichtum bei. Der Umgang mit dem Tod ist der Schlüssel zum Leben.

Wirklicher Tod

Dass es keinen wirklichen Tod gibt, dass da noch ein anderes Leben ist, auch wenn sich ein Mensch in dieser Gestalt auflöst, ist freilich nicht nachweisbar, nur annehmbar. Entscheidend dafür ist nicht die Wahrheit, die wohl nie zweifelsfrei ausfindig zu machen ist, sondern die Lebenswahrheit, mit der sich leben lässt. Sie hängt ab von der Deutung, die jeder selbst vornimmt und für die er, wenn er Beliebigkeit vermeiden will, nach der Plausibilität der Zusammenhänge fragt und im Übrigen danach, was ihm schön und bejahenswert erscheint. Auch die Wahrheit, auf die manche Individuen und ganze Kulturen sich kaprizieren, kann nur eine Deutung sein. Veränderungen der Deutung aber sorgen im Laufe der Zeit dafür, dass der Tod eine Geschichte hat, die von Menschen geschrieben wird.
Den vormodernen Tod

sandte ein Gott, sobald es ihm gefiel, einen Menschen, dem er das Leben geschenkt hatte, wieder zu sich „heimzurufen“. Dieser Tod konnte in den langen Zeiten der Geschichte, in denen es charakteristisch für das menschliche Leben war, nichts als harte, nackte Wirklichkeit vorzufinden und über wenige oder

gar keine Möglichkeiten zu verfügen, als Erlösung empfunden werden. Ein besseres Leben folgte ihm in jedem Fall, sofern nicht Fegefeuer oder Hölle drohten: Eine große Unruhe empfanden vormoderne Menschen das ganze Leben hindurch bei der Frage, in welcher Weise Gott sie für all ihr Tun und Lassen am Ende noch zur Rechenschaft ziehen würde.

Der moderne Tod

hingegen durchkreuzt eine hoffnungsvolle Wirklichkeit des Lebens mit einer Rücksichtslosigkeit, die viele Möglichkeiten zerstört und Projekte abbricht. Selten erscheint er als Erlösung, häufiger als Zumutung: Immer bleibt etwas ungelebt. Wo Menschen selbst Einfluss auf ihr Leben nehmen können und sich nicht mehr als Marionetten eines blinden Schicksals oder einer weisen Vorsehung verstehen müssen, kommt dem Tod die Rolle zu, Wünsche und Träume zunichte zu machen, sodass die Frage aufbricht: Warum? Schon zu Lebzeiten bedrängt der Tod die Lebenden mit den Fragen: Lebst du wirklich? Was hast du noch vor?

Der moderne Glaube, dass das Leben mit dem Tod zu Ende sei, verstärkt bei vielen Menschen die Angst vor dem Tod, der für immer gestorben wird, sodass sie schon im Leben zu Tode betrübt sein können. Was einst der ritualisierte Übergang zu einer anderen Ebene der Existenz war, mit detailreichen Vorstellungen von einer jenseitigen Welt, kann für moderne Menschen nur noch ein Fallen ins Undenkbare und Unvorstellbare, ins Nichts sein.

Der nachmoderne Tod

Dieser Tod hat kein Recht auf Leben, mit aller Macht muss er, solange er sich nicht abschaffen lässt, vor den eigenen Augen und den Augen Anderer verborgen werden. Wenn es gelingen sollte, die Moderne zu verändern, steht es in einer andersmodernen Kultur dem Einzelnen frei, auch ohne Berufung auf einen Gott und auch ohne letzte Wahrheit nicht mehr das Ende des Lebens im Tod zu sehen. Dieser Deutung zufolge gehen Menschen, wie alle Wesen, aus einem allumfassenden Meer von Energie hervor, leben aus ihm heraus und kehren zu ihm zurück. Die Konturen von Menschen, des Menschen überhaupt, zeichnen sich für eine kleine Weile am Meeresufer der wirklichen Welt ab und werden wie das „Gesicht im Sand“, von dem der Philosoph Michel Foucault einmal sprach, von einem Wellenschlag wieder ausgelöscht.

Was für einen Moment die Lebensenergie und Seele eines menschlichen Selbst war, geht wieder in die kosmische Energie und Weltseele über, die alles erfüllt und allem zugrunde liegt. Schon zu Lebzeiten spürt ein Mensch in seinem tiefsten Innersten diese namenlose, grenzenlose eigentliche Seele, die Energie, die auch dann bleibt, wenn keine Person mehr da ist, während die persönliche Seele mit ihren charakteristischen Ausprägungen von Energien in Gefühlen, Wahrnehmungen, Erinnerungen, Sehnsüchten in dieser Form nur diesem Menschen eigen und an sein körperliches Dasein gebunden ist.

Abwesenheit des Erinnerungswesens                                                                         

Dass die Abwesenheit des geliebten Anderen nach seinem Tod so unwirklich erscheint, wäre dann erklärbar: Er lebt nicht mehr in dieser Wirklichkeit, sehr wohl jedoch in einer anderen. Etwa „im Himmel“, wie den Kindern gesagt wird? Ja, wenn unter Himmel die Unendlichkeit der Möglichkeiten verstanden wird, ein unfassbarer Raum. Daher kann der, der zurückbleibt, sich hin- und hergerissen fühlen zwischen dem unendlichen Schmerz über den Verlust, der nicht mehr rückgängig zu machen ist, und der unendlichen Euphorie über das Sein, in dem das gemeinsame Leben geborgen ist: Novalis machte am Grab seiner jungen Geliebten Sophie von Kühn diese Erfahrung. Das Erschaudern vor der Wucht des metaphysischen Abschieds ist verständlich, aber zugleich ist die subjektive Gewissheit möglich, dass es ein Zusammensein über den Tod hinaus gibt, sodass es nicht mehr unsinnig erscheint, sich leichten Herzens für eine Weile Adieu zu sagen bis zur immerwährenden Vereinigung im Kontinuum der Energie.

Die reale Gestalt stirbt, nicht jedoch die Seele und der Geist, die im Grunde reine Energie, reine Potenz sind.

Die Ich-Konstellation wird verwischt und ausgelöscht, aber einige Moleküle, Gefühle und Gedanken haben sich anders bewegt, als sie sich ansonsten bewegt hätten. Mag es sich auch nur um eine Winzigkeit handeln, aber etwas bleibt übrig, das unauslöschlich ist.

Über den Tod hinaus

kann im Gespräch mit den Toten die Beziehung zu ihnen weiterleben, vielleicht in ähnlicher Weise wie in dem Sketch für zwei Personen von Lauri Wylie aus den 1920er Jahren, Dinner For One, nach großen Erfolgen in England in vielen anderen Ländern seit den 1960er Jahren als TV-Produktion bekannt geworden durch den Schauspieler Freddie Frinton als Butler James. Die 90jährige Miss Sophie (May Warden) feiert darin, wie alle Jahre, anlässlich ihres Geburtstags die Anwesenheit ihrer lange schon verstorbenen Freunde Sir Toby, Admiral von Schneider, Mister Pommeroy und Mister Winterbottom, und sie treibt ihren Butler dazu an, dieses Setting ernst zu nehmen: „Just to please me!“

- imaginärer Gesprächspartner

- was ungesagt und ungelebt bleibt, kann zur Last werden, die nicht aufhört, einen Menschen zu bedrücken. Ungeklärte Fragen bleiben über den Tod hinaus offen  - nach der ersten Weigerung, den Tod wahrhaben zu wollen, tut sich das Chaos der Gefühle auf, das Wanken zwischen Wut, Enttäuschung, Empörung, Bitterkeit, Leiden an der Sinnlosigkeit, Mitleid, Selbstmitleid, tiefer Trauer, bevor der Tod akzeptiert werden kann und eine große Ruhe sich einstellt. Die Trauer kann ein Ausdruck von Liebe sein, manchmal von nachgetragener Liebe, die zu Lebzeiten keinen rechten Ausdruck zu finden vermochte.

-Trauer dynamisiert zur „Trauerarbeit“,

Auf die Zeiten der Ungewissheit und Verzweiflung folgen Zeiten der Gelassenheit und Heiterkeit. Sie ergeben sich aus dem Eindruck, dass das Leben weit umfassender ist als das individuelle Leben hier und jetzt, ja, dass es sogar seinen Gegensatz noch mit umgreift, den Tod, der selbst ein Leben ist, wenngleich er nicht die Form eines Daseins annimmt. Inmitten der Trauer wird dies zur Gewissheit: Dass da ein Sein ist, das von alledem unberührt bleibt, ein ewiges Sein durch alle kommenden und gehenden Ichs hindurch, an dem jedoch jedes Ich teilhat.

- Der Einzelne geht zugrunde, aber damit kehrt das Wesentliche an ihm, das ihn leben ließ, zum Grund - Potenzial zurück. Vom energiegeladenen Pol, aus dem jedes Leben anfänglich hervorgeht, wandert es zum entgegengesetzten Pol des Energieverlusts, bevor mit dem Tod der Zustand reiner Energie wieder hergestellt wird, der ein neues Werden ermöglicht.
So kreist das Leben zwischen Materialisierung, Entmaterialisierung und neuerlicher Materialisierung; es vollendet sich immer wieder dort, wo alle Möglichkeiten schlummern, bevor die Wirklichkeit eines anderen Lebens daraus hervorgehen kann. In der gesamten Natur ist dieser Kreislauf von Werden und Vergehen zu sehen, also kann es sich damit beim Menschen, der  Teil der Natur ist, wohl kaum anders verhalten. Kann angesichts des Todes ein Trost sein?

- Den übergroßen metaphysischen Schmerz,kann am besten ein metaphysischer Trost auffangen

Und im 6. Jahrhundert n. Chr. tröstet der neuplatonische Philosoph Boethius sich selbst, als er, wegen des Verdachts der Teilnahme an einer Verschwörung zum Tode verurteilt, auf seine Hinrichtung wartet. In seiner Schrift Vom Trost der Philosophie zeigt er sich von den unantastbaren Eigenschaften der unsterblichen Seele überzeugt, die mit dem Tod in ihre göttliche Heimat und somit zur vollkommenen Glückseligkeit zurückkehrt.

- Trösten können alle transzendenten Fähigkeiten, die der Seele und dem Geist eines Menschen zur Verfügung stehen, denn sie ermöglichen ein Denken, Fühlen und Handeln über die Gegenwart hinaus, und ihre vorsätzliche Kultivierung macht eine energetische Intensität erfahrbar, die aus subjektiver Sicht dem Leben Sinn geben kann. Einige dieser Fähigkeiten fanden als Kardinaltugenden (cardo im Lateinischen für Türangel), also als Dreh- und Angelpunkte des menschlichen Lebens, Eingang in die abendländische Kultur, etwa mit der Trias von Glaube, Liebe, Hoffnung, die seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. von christlichen Autoren tradiert wurde, aber nicht allein von ihrer Wertschätzung abhängt:

- das Geflecht kausaler Zusammenhänge ist kaum je vollständig zu entwirren.  Und eine Möglichkeit ist, sich schlicht dem Leben zu fügen und sich zu sagen: „Das ist mein Schicksal, ich habe es mir nicht ausgesucht, aber ich will damit leben, statt vergeblich dagegen anzuleben.“

Aber das sind nur Anregungen und Überlegungen. Der einzelne Mensch selbst entscheidet, was er tun und lassen, glauben und nicht glauben will. Sicher ist , dass es auch in der modernen Zeit, die so viel zu wissen glaubt, es kein Wissen über die letzten Dinge gibt. Und dass dennoch viele vom Nachdenken darüber umgetrieben werden. „Where are we now?“ Wo stehen wir jetzt? Am offenen Horizont eines möglichen Lebens nach dem Tod, den die Moderne mutwillig verschlossen hat, steht wieder offen.

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