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PA4-13-8gutleben - heribert - walter

Heribert:

Dieses leere, freie, offene, weiße Feld ist "die Feier des weißen Nichts" (Kasimir Malewitsch) und somit der offene Horizont, der in Frage steht.

 

Walter:

Im ersten Moment überzeugt deine Antwort als Frage....aber
Zum Apolinischen-

der Sichtweise - Vergleich  täuscht im Nachfolgendem:

Das Feld bei Malevitch und das Vorliegende ist zwar weiss und schwarz durch die Linienführung 4x !begrenzt! und so zwar leer und weiss als Fläche,

jedoch nicht offen oder frei ?! eher "sophisticated"

Ausserdem sind es zwei Felder (Kern- und Umfeld), das Schwarze und das Weisse bilden das Ganze...

Daher ergibt sich ein geschlossener Horizont für uns noch Lebende, der sich erst im Tod verwandelt in ein Undendliches im Einen, das wir nicht erfassen..

Zum Dionysischen-
wir wollten das vermehrt das Persönlich -Fühlende, Dionysische herausfinden, von unseren Gesprächspartnern, wie es anrührt, das sich Nähern des Todes, in etwa haben wir jedenfalls nicht viel mehr als rund 3000 Tage (für Euch gilt fast das Doppelte ..) - soweit der gesundheitliche Zustand es zulässt neben neben üblichen Fährnissen, denen wir in diesem Zeit- Raum begegnen werden...

Was könntest Du Dir vorstellen was nachher mit dem Geistigen geschieht,

gibt es für dich feinstoffliche Energien, die persönlich oder ausserpersönlich eine Zeit lang oder für immer weiter wirken - mit denen wir derzeit verknüpft sind -nehmen diese Energie-ströme, -linien, geistige Teile eine langsam erlöschende Zeit unser Wesen mit sich (in anderen Überlebenden/Texten/Bildern und aktuell gibt es auch den digitalen Nachlass im Web... ) oder sogar für immer?

wir bitten Dich das zu bedenken und uns mitzuteilen, vielleicht kannst Du das auch mit Ulrike im voraus diskutieren?

 Heribert

Heribert Heere <heribert@heere.de>

Sonntag, 28. Juli 2013 09:03 AW: lieber heribert: zur Feld - Sichtweise: LEBEN - TOD

Lieber Walter,

gar nicht so leicht, deine Fragen zu beantworten.

Aber ich kann und will mich natürlich nicht dieser Aufgabe entziehen.

(Besten Dank übrigens für deine Frage-Initiative!) Nach wie vor finde ich das Bild der leuchtenden leeren weißen Fläche sehr adäquat, möchte aber einen Versuch machen, diese durch meine Überlegungen transparent zu machen.

Ich kann immer weniger einen kategorialen Unterschied zwischen „Körper“ und „Geist“ machen.

Der Körper ist etwas Geistiges und der Geist ist etwas Körperliches. Wir tragen unseren Körper nicht wie ein Objekt herum, sondern wir sind buchstäblich unser Körper, oder, besser gesagt, unser Leib. Trotzdem können wir trotz aller großen Fortschritte der modernen Medizin ihrer eindimensionalen Sicht nicht die Frage nach den „letzten Dingen“ überlassen, bzw. sie in den Papierkorb zu befördern.

Wie du weißt, bin ich seit langem von der Idee der „Metamorphose“ im Sinne eines universellen Prinzips angetan.

Im Folgenden habe ich aphoristisch versucht, diese Sichtweise – notwendigerweise paradox, ähnlich einem Prosagedicht – anzudeuten. Diese Zeilen harren einer Fortführung meinerseits, insbesondere die Fabel des Paradieses…

Ulrike

 ist noch von dem Übergang ins Pensionsdasein so involviert, dass sie um einen Dispens von ihrer Antwort bittet.

1. Die ganze Welt ist Bühne, und alle Frau'n und Männer bloße Spieler.

(William Shakespeare, Wie es euch gefällt, 1599)

2. Hades und Dionysos, dem sie rasen und toben, sind einer und derselbe.

(Heraklit, fr 15)

3. Kein Ding behält seine eigene Erscheinung, und die ewig schöpferische Natur lässt eine neue Gestalt aus der anderen hervorgehen, und – glaubt mir! – in der ganzen Welt geht nichts zugrunde, sondern es wandelt sich und erneuert sein Gesicht. „Geboren werden“ heißt „beginnen, etwas anderes zu sein als vorher“ und „sterben“ heißt „aufhören, dasselbe zu sein“. Und während vielleicht das eine hierhin, das andere dorthin übertragen wird, bleibt doch insgesamt alles bestehen. Nichts, so möchte ich glauben, dauert lange in derselben Gestalt fort.

(Ovid, Metamorphosen, 15)

4. Ein ewig sich fortzeugender und ewig vergehender Kosmos.

Aus Konstruktion entsteht Destruktion und aus Destruktion entsteht Konstruktion.

Kein Augenblick gleicht dem anderen und dennoch dreht sich unaufhörlich das Rad der Welten.

Wenn nichts vergeht, dann heißt das auch, dass das Schreckliche nicht vergeht – es wandelt sich bloß zum Schönen, zum Wunderbaren und umgekehrt.

Wandlungen – das ist das Zauberwort: nichts ist ewig, nichts ist unendlich.

Wir selbst sind Erscheinende.

Alle linearen Welt-Konstruktionen verdienen Achtung (z. B. das Christentum), müssen aber vor der Unausdenkbarkeit des Anfangs und des Endes kapitulieren. In Wirklichkeit gibt es keinen Anfang und kein Ende.

Stoff und Form sind Erscheinungsweisen, keine Entitäten.

Doch mein Leib steht nicht vor mir, sondern ich bin in meinem Leib, oder vielmehr ich bin mein Leib (Merleau-Ponty, Wahrnehmung, S.180).

5. Das Denken und Reden über Wahrheit ist selbst Wahrheit.

Es gibt nichts dahinter, keine Wesenheit, nichts, was wahrer wäre als der Schein, die Erscheinung.

Insofern stimmt alles, was über das Nach-Leben gesagt, gedacht oder in Bildwerken ausgedrückt wurde (das meiste innerhalb alt-ehrwürdiger Traditionen): die Fabeln der Welt sind fabelhaft.

Wir haben nichts außer ihnen (die Naturwissenschaft hat nur die undurchdringlichste Fabel geschaffen – mit Erfolg).

Deshalb brauchen wir eine Re-Fabulierung der Welt: christlich, buddhistisch, islamisch, atheistisch, animistisch, massenkulturell, digital…

Warum sollte die Welt untergehen? Sie entsteht jeden Augenblick neu.

Unser Bewusst- und Unterbewusstsein verlischt mit dem Ableben des Körpers, unseres Leibs. Es gab und gibt Myriaden von „Bewußtseinen“. Vielleicht klumpen sie sich algorithmisch zusammen, vielleicht treten sie nach Art der platonischen anamnesis den geordneten Rückzug an, vielleicht wandeln sie in den seligen Gefilden der Paradiese, vielleicht alles von diesen, vielleicht nichts von diesen – wir verorten heute die Erkenntnis in den Diskursen und den Künsten selbst, nicht mehr ausschließlich dort, worüber sie ablaufen.

6. Einen Abglanz des Paradieses schaffen wir in unseren Gärten, nicht in unserer Welt. Der Garten und das Paradies sind „andere Orte“ (Heterotopien).

Heines gar nicht so frommer Wunsch, dass wir nicht ins Himmelreich, sondern ins Erdenreich wollen…und den Himmel lieber den Spatzen und den Engeln überlassen ist nicht und soll nicht in Erfüllung gehen.

Stattdessen sollten wir uns mit einem vorsichtigen Messianismus im Sinne Benjamins vertraut machen:

Während freilich die unmittelbare messianische Intensität des Herzens, des innern einzelnen Menschen durch Unglück, im Sinne des Leidens hindurchgeht. Der geistlichen restitutio in integrum, welche in die Unsterblichkeit einführt, entspricht eine weltliche, die in die Ewigkeit eines Unterganges führt und der Rhythmus dieses ewig vergehenden, in seiner Totalität vergehenden, in seiner räumlichen, aber auch zeitlichen Totalität vergehenden Weltlichen, der Rhythmus der messianischen Natur, ist Glück. Denn messianisch ist die Natur aus ihrer ewigen und totalen Vergängnis.

(Walter Benjamin, Theologisch-politisches Fragment)

 


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