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PA4-12-8risikenIII-wirkkraft.5.Polyphonie (Taureck)

5 Polyphonie (Taureck)
Bernhard H. F. Taureck, Philosoph, ist emeritierter Professor der Technischen Universität Braunschweig.
Themen Auszug
- Die Nationen Europas sind zu eigenwohlorientiert, um im Fall der Not eine europäische Gesamtheit zu fördern. Militärisch wird Europa von einem Bündnis gebunden, dessen Feind längst nicht mehr existiert, dafür jedoch beständig erfunden wird, ohne zugleich Europa einen zu können.
- Die vereinigten Staatsschiffe Europas laufen parallel, aber sie navigieren nicht. Ein Krisenstrudel bewegt sie, Richtung Schiffbruch.
-Aus vielen eines.? Die Europäer wählen „In Vielheit geeint.“ Vielheit besteht, Einheit nicht. Bereits die 23 Amtssprachen verhindern dies. Man redet von Einheit und praktiziert Vielheit. Jedes Mitglied behält bislang seine Hoheit für Steuern, Militär und Außenpolitik,
der Weg der Emergenz einer strahlenden Ganzheit aus trüben Teilen, er mag nicht ausgeschlossen sein, doch er erscheint auf keiner Landkarte und keinem Navigator. Er mag sich plötzlich zeigen, doch er kann nicht geplant werden.
-Wenn nicht aus allem Eines aus Wenigem Eines entsteht. Man benötigt gar nicht alle sieben Elemente, um ein Europa zu kreieren, man wählt wenige aus und versucht es mit ihnen. Man verzichtet etwa auf Kultur, Sprachen, Religionen und konzentriert sich auf Wirtschaft und Kapitalismus. Diesen Weg beschritt man 1992 in Maastricht und beschloss eine Währungsunion.
Ein polyphones Europa ist das Gegenteil einer beschworenen kollektiven Identität. Ein polyphones Europa wird angesichts vieler Bedrohungen nötig. Und schließlich könnte ein polyphones Europa jenen Zusatz von Utopie enthalten, ohne den Zukunft verödet.
Kollektive Identitäten wie Staaten, Nationen, Vaterländer, Gesellschaftsordnungen sind stets mit dem Anspruch aufgetreten, jeder könne oder solle sich mit ihnen identifizieren. Jede Schule erwartet bereits von ihren Schülerinnen und Schülern: Identifiziere dich mit deiner Institution! Jede Firma verlangt von ihren Mitarbeitern
Man sagt „sich identifizieren mit“, meint jedoch „sich zugehörig wissen zu.“ Zugehörigkeit wird verwechselt mit Identifikation. In diesem Sinn kann man sich Europa zugehörig wissen und zugehörig sein wollen, ohne die absurde Bürde zu tragen, mit Europa identisch sein zu wollen und es nicht können. Zugehörigkeit hat den Vorteil, dass jeder die Freiheit hat, sie zu wählen. Er ist dabei nicht auf eine einzige Zugehörigkeit beschränkt, während die kollektive Identität ausschließlich ist. Genau darin liegt eine der Chancen für ein polyphones Europa. Jeder kann sich verschiedene Zugehörigkeiten wählen. Es liegt an ihm, welcher Kultur, welcher Wirtschaftsordnung, welchem Politikmodell, welcher Gesellschaftsart er angehören möchte. Die Zugehörigkeiten sind veränderbar und entwicklungsfähig. Kollektiven Identitäten bleibt dagegen nichts anders übrig als identisch mit sich selbst zu sein.
-Europa ist vielfältig bedroht. 1 die Ökonomie. Die Aufblähung der Finanzmärkte bedroht die Wirtschaft. In den USA wurde eine Schleuse des Unheils geöffnet. Banken zur Förderung von Investitionen werden nicht mehr von Spekulationsbanken getrennt. Auch das finanzielle Ausbluten von Staaten wie Griechenland oder Portugal könnte zu unabsehbaren internationalen Verwerfungen führen. 2 Ökonomisierung der Wissenschaften, mit ihrer zunehmenden Abhängigkeit von Verwertungsinteressen der Privatwirtschaft und des Militärs. Garantiert ein vielstimmiges, polyphones Europa einen Schutz vor diesen und anderen Bedrohungen?
Statt einer Garantie geht es darum, wie man den Bedrohungen weniger ausgesetzt ist. Ein Europa der kollektiven Identität mag von seinen Befürwortern als Bollwerk gegen verschiedenste Bedrohungen verstanden und propagiert werden. Ein polyphones Europa wirkt demgegenüber schwach und anfällig. Doch viele Schwächen können gemeinsam eine Stärke ergeben. Dem genialen Europäer Leonardo da Vinci verdanken wir die Beobachtung, dass die Steine eines Rundbogens allesamt zu Boden fallen wollen. Doch da sie alle diese Neigung haben, hindern sie sich gegenseitig daran zu stürzen und ergeben die Stabilität eines Rundbogens.
Viele Schwächen können zu einer Stärke führen. Ein vielstimmiges Europa hätte viele Seiten und könnte verschiedene Bedrohungen eher parieren als ein kollektiv identisches Europa.
Polyphonisches Europa der politischen Fantasie und jenes Zusatzes von Utopie, ohne welche wir alle in eine öde Zukunft reisen müssten. Ein kollektiv identisches Europa ist ein Sein, ein vielstimmiges Europa dagegen ein Werden.
Modell: das Romantisches Europa aus der österreichischen, der russischen und der preußischen Monarchie, die so genannte Heilige Allianz. Realitätsverklärung war ihr Prinzip, Es war ein auf Bibel und das Mittelalter zurückblickendes, zukunftsscheues Staatshandeln.
Polyphones Europa ist kein symphonisches und kein harmonisches Europa. Symphonisches und Harmonisches wäre die Fortsetzung der europäischen Polyphonie mit utopischen Mitteln. Ein polyphones Europa, das ein demokratisches Europa sein will, benötigt in weitaus häufigerem Maß als bisher Abstimmungen der Bevölkerung zu allen Entscheidungen
Ein vielstimmiges Europa könnte das bisherige Holzwegeuropa insofern ersetzen, als es der Allianz aus Betonköpfen, Büro- und Technokratie entkommt. Jenseits von Beton, Bürokratie und Technokratie liegt ein noch zu entdeckendes Europa. Es besteht nicht allein aus Raum und Räumen. Es besteht aus etwas Werdendem und Fließendem. Es besteht aus Zeit.

 


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